Resonanz

Eine Vase steht auf dem Tisch.
Ich habe sie geformt und trocknen lassen.
Der Rest geschah ohne mich.
In der Hitze des Brennofens.

Im Feuer öffnete sich ein Spalt.
Kein Schaden.
Ein Eintritt.
Form ließ los.
Bedeutung blieb.
Sie hat sich geordnet, nicht nach meiner Vorstellung, sondern nach ihrem Atem.
Wo sie sich öffnete, entstand Raum.
Eine Einladung zum Lauschen.
Vielleicht wollte sie nie eine Vase für Blumen oder Wasser sein. Dafür ist sie nun ein Stück Zeit, ein Gebilde aus Erwartung und Widerstand. Gehalten von einem Stück Draht. Etwas, das bleibt, auch wenn es zerfällt.
Als wäre sie gemacht für das, was innen klingt. Und doch: auch außen bereit, etwas zu empfangen. Vielleicht ist das das Bild der Freiheit, ein Lauschen in zwei Richtungen.

Friederike kommt leise herein.
Ihre Schritte kaum hörbar.
„Du hast es wieder getan!“
Kein Vorwurf.
Nur ein Blick, der spürt, wie sich etwas löst.

Draußen zieht der Wind an den Bäumen.
Ein Blatt löst sich, taumelt ins Offene.
Ein Ausschnitt: ein Augenblick.
Alles davor, alles danach, bleibt ungeschrieben.
Wir leben in solchen Splittern.
Denken in Fragmenten.
Den Scherben eines größeren Denkgefühls.

Sie tritt näher.
„Vielleicht“, sagt sie und ihre Augen sind weit,
„ist jeder Mensch so ein Ausschnitt.
Ein Stück aus einem größeren Wesen.
Wir tragen das Ganze in uns, auch wenn wir es nicht sehen.“
Sie legt ein Bild auf den Stapel der Postkarten.
„Schick es in die Welt.“

„Also?“, fragt sie.
„Fertig mit der Kunst?“
Ich zucke mit den Schultern.
„Ich weiß nicht. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.“
Sie grinst.
„Weißt du noch, damals, als du diese Blume fotografieren wolltest?
Die im Schatten zwischen zwei Steinen, hinten im Garten?“
Ich nicke. „Sie war wunderschön.“
„War sie das? Oder war’s nur der Moment drumherum?“
Ich denke kurz nach. Und plötzlich weiß ich es nicht mehr.

Das Gespräch bleibt im Raum hängen.
Ich drehe mich um.
Gehe zurück in die Werkstatt.

Ich habe in all den Jahren viele Keramiken gemacht.
Sie stehen da.
Sauber.
Still.
Unberührt.

Kein Riss.
Kein Zufall.
Kein Trost.

Sie sind tadellos.
Und genau das ist ihr Problem.

Sie kommen ins Regal.
Stehen dort im Licht.
Warten auf dieses kleine Ziehen im Bauch, das sagt: Ja.
Es kommt nicht.

Ich könnte sagen:
Nicht gelungen.
Ich könnte sie zerschlagen.
Mach ich nicht.

Ich lasse sie stehen.
Wochenlang.

Vielleicht ist das der eigentliche Fehler:
Nicht der Bruch.
Nicht das Scheitern.
Sondern das glatte Durchkommen.

Ein Gefäß, das alles richtig macht, ist langweilig.
Gleichgültig.

Ich verschenke sie dann und wann.
Ohne Geschichte.
Ohne Hoffnung.

Manche Dinge wollen einfach nur weg.

Aber:
Manchmal findet man auch etwas,
das eigentlich niemand mehr sucht.

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