Was machst du eigentlich, Torsten?
Ich arbeite mit Erde aus dem Westerwald und mit Licht. Keramik und Fotografie. Zwei Wege, die in dieselbe Richtung gehen. Beide verlangen Aufmerksamkeit. Das Material antwortet. Das Licht verändert sich. Ich höre hin. Am Ende suche ich Worte, die den Raum zwischen Hand, Blick und Form öffnen. Sätze, die meine Haltung und das Unsichtbare spürbar machen.
Warum diese Bereiche?
Alles reagiert sofort. Ton gibt nach. Licht kippt. Sprache schwingt. Ein Hauch genügt, und alles verschiebt sich. Werke entstehen dort, wo ich lausche, ohne einzugreifen. Dieses offene Hinhören hält mich, lässt mich staunen, macht Arbeit lebendig.
Warum nennst du dich „Formarbeiter“?
Weil das Wort Boden trägt. Es beschreibt, was ich tue, ohne Glanz, ohne Pathos. Ich forme Dinge, folge Material, Licht, Zeit. Ich schaffe Räume, in denen etwas nachklingen kann. Worte tun dasselbe. Sie öffnen Räume. Lassen entstehen, was sich nicht sofort greifen lässt.
Was verbindet all dies?
Ein innerer Entwurf. Ein Gefühl für Richtung. In Italien nennt man das Disegno: der Gedanke vor der Form, die Haltung vor dem Werk. Er lebt im Körper, wandert durch Blick, Atem, Bewegung. Vollendet sich zwischen Hand und Material. Worte sind wie der Atem dieser Formen. Sie halten Stille. Sie lassen den Raum wirken.
Und Arti del disegno?
Künste mit innerem Bauplan: Malerei, Skulptur, Architektur. Handwerk und Denken gehören zusammen. Idee und Ausführung sind untrennbar. Diese Verbindung interessiert mich bis heute.
Wie zeigt sich das in deiner Keramik?
In der Kokoro-Kurinuki-Technik entsteht das Gefäß von innen. Ich nehme Ton weg. Raum öffnet sich. Die äußere Form folgt dem Hohlraum. Jeder Schnitt prüft den nächsten. Jeder Schnitt fragt, was noch entstehen möchte.
Kokoro bedeutet Herz. Welche Rolle spielt es?
Das Herz führt. Der Kopf hört zu. Die Hände setzen um. So entsteht Arbeit, die Atem trägt, Stille, Aufmerksamkeit.
Du arbeitest mit Wabi Sabi. Was bedeutet das für dich?
Wabi Sabi lenkt den Blick auf das Gewordene, auf Spuren, Zeit, Würde im Gebrauch. Die Keramik darf leben. Sich verändern. Patina sammeln. Unvollkommenheit wird Teil des Moments.
Viele suchen Perfektion. Du suchst etwas anderes.
Ich suche Stimmigkeit. Eine Form wirkt richtig, wenn sie ihren Zweck kennt, in der Hand ruht, Teil des Alltags wird. Worte wirken, wenn sie sich im Kopf verankern, ohne andere Gedanken zu überlagern. Perfektion? Sie wirkt oft kalt, leblos, wie Fliesen, die Normen folgen.
Wie lässt du die Erde sprechen?
In Farben, sanften Wellen, feinen Rissen. Sie tanzen wie alte Schriftzeichen auf der Oberfläche. Glasur liegt leicht darüber, als würde sie noch fließen. Hart wie Stein. Bereit für den Alltag. Meine Gefäße bilden Brücken – zwischen Meditativem und Alltäglichem, zwischen Ritual und Moment.
Gebrauch spielt eine große Rolle.
Ja. Ein Gefäß will benutzt werden. Tee halten, Wasser tragen, Wärme weitergeben. Es ist kein bloßer Gegenstand, sondern ein stiller Ort. Wer ihn besitzt, findet darin Ruhe. Nach dem Gebrauch verlangt er Aufmerksamkeit: lauwarmes Wasser. Streichende Hände. Spüren, was rau ist. Was weich.
Das erinnert an die Renaissance.
Arti del disegno dachten Kunst vom Leben her. Architektur diente dem Wohnen. Malerei ordnete Blick und Raum. Skulptur teilte Orte. Meine Arbeit folgt diesem Gedanken – leise, aufmerksam, in den Spuren der Dinge.
Wie passt Fotografie dazu?
Auch sie lebt von Entwurf: Standpunkt, Ausschnitt, Zeit. Ich suche Stille, lasse Dinge leise sprechen. Licht legt Spuren frei, die sonst verborgen bleiben. Jedes Bild hält einen flüchtigen Moment, einen Atemzug. Ein gutes Foto liegt genau zwischen Sehen und Sein.
Deine Fotos zeigen oft einfache Gegenstände oder Unschärfe.
Weil einfache Dinge viel erzählen. Eine Kanne, ein Tisch, eine Wand. Sie tragen Zeit, Spuren des Daseins, Geschichte. In der Unschärfe überlasse ich dem Betrachter das Vollenden. É voilà – schon sind wir ein Team.
Viele Menschen leben in Eile.
Meine Arbeit folgt einem anderen Takt. Langsamkeit öffnet Wahrnehmung. Vertieft Aufmerksamkeit. Ton formt Geduld. Geduld ist kein Zwang. Sie ist Geschenk.
Was wünschst du dir für die Betrachter?
Berührung. Innen wie außen. Ein Gefäß in der Hand, ein Bild im Blick. Worte, die nachklingen. Einen Moment, der trägt.
Deine Arbeiten wirken ruhig.
Ruhig, weil sie zuhören. Im Entstehungsprozess ist alles in Schwebe, zwischen Chaos und Kontrolle. Das fertige Werk zeigt davon nichts. Es wirkt meditativ, doch der Atem bleibt spürbar.
Deine Philosophie wirkt wie eine Küchenphilosophie.
Ja. Und das ist gut so. Sie kommt allein aus Erfahrung. Ton lehrt Geduld. Licht schärft den Blick. Worte lehren Aufmerksamkeit. Überall ist das wirksam – auch in der Küche.
Was bleibt am Ende?
Ein Gefäß. Ein Bild. Ein Text.
Alles trägt Spuren eines Weges. Öffnet Räume, in denen Stille wirkt.
Eine allerletzte Frage: Wer ist Friederike?
Friederike ist meine innere Zeugin.
Sie geht immer mit. Spricht selten.
Meist reicht ihr Blick.
